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Konzepte eines pluralen ökonomischen Systems

Das Konzept eines pluralen ökonomischen Systems wurde zuerst in Frankreich von Jean-Louis Laville und anderen Wissenschaftlern vom Centre de Recherche et d’Information sur la Démocratie et l’Autonomie (CRIDA) vorgestellt. Es wurde vom Europäischen Netzwerk für ökonomische Selbsthilfe und lokale Entwicklung (EURONETZ) in einem Europa-weiten Forschungsprojekt unter dem Titel ‘Grundwerte, Konzepte und Strukturen von Sozialen Unternehmen in Westeuropa’ aufgegriffen und schließlich von zwei Projektpartnern weiterentwickelt. Mit der Präsentation dieser verschiedenen Ansätze soll demonstriert werden, dass die Debatte noch nicht abgeschlossen und weitere Forschung und Entwicklung in diesem Bereich erforderlich ist. Es beschreibt grob das Konzept einer ‘gemischten Ökonomie’ (‘mixed economy’), in der profitabel zu vermarktende Güter und Dienstleistungen vom traditionellen Privaten Sektor und alle anderen vom Öffentlichen Sektor bzw. Staat bereitgestellt werden. Es gab aber immer schon einen Dritten Sektor unbefriedigter Bedürfnisse, die weder vom Markt, noch vom Staat (dem ersten oder zweiten Sektor) bedient wurden. Der Dritte Sektor befindet sich also da, wo die betroffenen Menschen andere Wege zur Produktion der notwendigen oder erwünschten Güter und Dienstleistungen finden mussten. Diese Aktivitäten können unterteilt werden in einen formellen Sektor (den am Gemeinwohl orientierten Sektor oder die Soziale Ökonomie) und in einen informellen Sektor oder die Schattenökonomie – ‘im Schatten’ deshalb, weil die Leistungen in diesem Sektor offiziell weder gemessen noch bewertet werden. Die Grenzen zwischen der Sozialen Ökonomie und der Schattenökonomie sind nicht immer klar zu bestimmen, da es häufig Überschneidungen gibt. So entwickeln sich die Soziale Ökonomie und insbesondere die Gemeinwesenökonomie (auf lokaler Ebene) oft aus der Schattenökonomie heraus, indem sie informelle Aktivitäten in formelle Strukturen überführen und Leistungen in Wert setzen, die vorher gar nicht bewertet, unterbewertet oder unterschätzt wurden (z.B. in Tauschringen, ‘Local Exchange and Trading Systems /LETS’, ‘Freiwilligendiensten’ etc.). Die Schattenökonomie besteht im Wesentlichen aus drei Subsystemen:

• der Nachbarschafts- und Selbsthilfe • der Haushalts- und Familienökonomie • der illegalen Ökonomie

Dabei spricht einiges dafür, die Schattenökonomie als einen Vierten Sektor mit eigener Dynamik und Charakteristik anzusprechen, insbesondere die Tatsache, dass die Schattenökonomie auch Ausgangspunkt einer kriminellen Formierung bzw. Organisierung werden kann, die zunehmend Familien und Nachbarschaften ergreift und sich über ganze Städte und Regionen in mafiösen Strukturen ausbreiten kann. Die andere Option besteht in einer Formierung der Schattenökonomie auf solidarischer Basis, die umso erfolgreicher ist, je mehr sie sich vernetzen, formelle Unterstützungsstrukturen ausprägen und schließlich als kohärente Soziale oder Gemeinwesenökonomie etablieren kann.

Quelle: Birkhölzer, K. et al. (2005): Dritter Sektor/Drittes System. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften